Eine kritische Phase für die Armee
Traurig, aber es ist sinnvoll, die Realität zu sehen. Innerhalb der TSK gibt es zwei gegensätzliche Gruppen, und diese handeln mittlerweile offen. Als erste Gruppe (rechts) treten insbesondere die „Okuyucular“, die Kurdoğlu-Gruppe und die Menzil-Anhänger hervor. Zudem gibt es weitere regierungsnahe rechte Gruppen, bei deren Rekrutierungen SADAT eine Rolle spielt und die mit SADAT verbunden sind. Es existieren auch kleinere rechte Gruppen, doch sie sind hinsichtlich ihrer Wirkung nicht so bedeutend wie diese vier.
Als zweite Gruppe treten die Kemalisten (links) hervor. Ich kann sie nicht als Atatürk-Anhänger bezeichnen. Denn soweit ich sehe, sind sie keine Menschen, die im eigentlichen Sinne den Prinzipien Atatürks verpflichtet sind und diesen Weg verfolgen. Leider haben wir das sehr spät erkannt. Vielleicht werden sie mir böse sein, aber das sind die Fakten. Denn die Atatürk-orientierten Offiziere, die ich wirklich kenne, würden unter keinen Umständen mit einer Partei wie der AKP zusammenarbeiten. Außerdem handeln sie ehrlich. Doch leider ist die Zahl solcher Offiziere zurückgegangen. Den Zustand der verbleibenden sehen wir ebenfalls.
Betrachten wir diese bestehende Gruppe etwas genauer: Wenn man sich die ideologische Ausrichtung der TSK ansieht, ist es eigentlich nicht möglich, dass ein Generaloffizier Kontakte zu Iran oder Russland knüpft und sich in diese Richtung orientiert. Seit der Militärschule sollten sie im Sinne der Prinzipien Atatürks und auf dem von ihm vorgegebenen Weg der „zeitgenössischen Zivilisation“ handeln. Dieses Verständnis war allerdings nicht vollständig im Einklang mit Religion. Daher bestand unter dem Begriff „Reaktionismus“ eine unterschwellige Ablehnung gegenüber Religion, und es wurde als Aufgabe angesehen, entsprechende Entwicklungen zu verhindern. Es zeigt sich jedoch, dass es nicht mehr viele solcher Atatürk-orientierten Offiziere gibt. Ein großer Teil der heutigen kemalistischen Gruppe bezeichnet sich zudem als „Eurasier“. Auf dieser Seite gibt es ebenfalls kleinere Gruppen, meist mit konfessionellen Verbindungen, deren Einfluss jedoch abgenommen hat. Soweit ich sehe, nutzen diese linken Gruppen Atatürk als Schutzschild. Wie ich bereits in meinem Buch erwähnt habe: Warum reist ein General wie Aytaç Yalman, der sogar Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte war, häufig in den Iran? Betrachtet man seine Ausbildung, ist das ein widersprüchlicher Zustand.
Normalerweise wurde jungen Offizieren der TSK der Iran als Bedrohung dargestellt. Dass ein General wie Tuncer Kılınç einst von einer Allianz mit Iran sprach, erschien mir daher ebenfalls bemerkenswert.
Kurz gesagt: Die heutigen Generäle und Offiziere können nicht als Atatürk-orientiert im klassischen Sinne bezeichnet werden.
Ein Beispiel zur Veranschaulichung des Einflusses dieser linken Gruppe: Ein Offizier, der bis 2019 im Hauptquartier der Landstreitkräfte tätig war, berichtete, dass nahezu das gesamte Hauptquartier aus Nationalisten bestand. Verdächtige Offiziere wurden überprüft. In diesem Zusammenhang soll ein Militärrichter unter dem Vorwand von Besuchen gezielt Fragen gestellt haben, um Personen einzuschätzen. Diese Darstellung wurde auch von anderen Offizieren bestätigt. Demnach hatten Nationalisten zu dieser Zeit eine dominante Stellung im Hauptquartier.
Die jüngsten Entwicklungen zeigen, dass die Regierung zunehmend von dieser Gruppe gestört ist und offenbar Pläne zu ihrer Bereinigung verfolgt. Vermutlich existieren bereits entsprechende Listen.
Die „Okuyucular“ und die Menzil-Anhänger agieren hingegen aufgrund ihrer Machtposition offen.
Es scheint zudem Bestrebungen zu geben, die faktisch veränderte Staatsform auch offiziell zu benennen. Die SADAT-Struktur unterstützt dies im Hintergrund. Auch Forderungen nach einem Kalifat können in diesem Zusammenhang als vorbereitende Schritte interpretiert werden.
Für die Zukunft lässt sich sagen: Eine dieser beiden Gruppen wird die andere verdrängen. Die Trennlinie ist klar, und die gegenseitige Toleranz ist erschöpft.
Welcher Weg dafür gewählt wird, bleibt abzuwarten. Die derzeitige Regierung könnte etwa den Mordfall Hablemitoğlu als Auslöser nutzen und darauf basierend Maßnahmen zur Bereinigung ergreifen.
Dies erscheint jedoch kein einfacher Weg zu sein. Alternativ könnte durch eine Gesetzesänderung dem Hohen Militärrat wieder die Befugnis zur Entlassung aus der TSK eingeräumt werden, um rechtliche Hürden zu umgehen.
Die gegnerischen Gruppen könnten die Gefahr erkennen und versuchen, ohne Widerstand ihren Weg fortzusetzen, indem sie sich anpassen. Dies scheint jedoch wenig wahrscheinlich. Ebenso könnten sie alles riskieren und einen tatsächlichen Putschversuch unternehmen. Ob sie dazu in der Lage wären, ist unklar.
Es bleibt abzuwarten, welche Gruppe sich durchsetzen wird.
Richter Oberst Dr. Cemil Çelik