Verlassen Sie sofort die Kaserne und informieren Sie das übrige Personal nicht.
Trotz des Zeitraums von sechs Jahren sind die Ereignisse in der Türkei vor und nach dem 15. Juli 2016 bis heute nicht vollständig aufgeklärt worden. Die im Laufe der Zeit ans Licht gekommenen Tatsachen haben jedoch gezeigt, dass das offizielle staatliche Narrativ zum 15. Juli der Wahrheit nicht entspricht. Im Rahmen der Verfahren zum 15. Juli haben Aussagen von Angeklagten und Zeugen offengelegt, dass ein Teil der Kommandeure im Führungsgremium der Türkischen Streitkräfte (TSK) im Vorfeld über das Kommende informiert war, ihre dienstlichen Pflichten jedoch nicht wahrnahm. Einer dieser Kommandeure war der damalige Leiter des Nachrichtendienstes der Landstreitkräfte, Generalmajor Mehmet Göktan.
Nach der vor Gericht abgegebenen Aussage (1) des Ordonnanzunteroffiziers des Nachrichtendienstchefs der Landstreitkräfte, Fatih Yurtsever, rief Generalmajor Mehmet Göktan ihn in der Nacht der Ereignisse gegen 22:00 Uhr an und wies ihn an, die Kaserne unverzüglich zu verlassen, diese Information lediglich mit drei Personen zu teilen und die übrigen Angehörigen des Personals nicht zu informieren.
Es stellte sich heraus, dass der Leiter des Nachrichtendienstes der Landstreitkräfte, zu dessen grundlegenden Aufgaben es gehört, insbesondere das Stabspersonal sowie sämtliches militärisches Personal durch Sicherheitswarnmeldungen unverzüglich zu informieren und die erforderlichen Schutzmaßnahmen zu ergreifen, dieser Pflicht nicht nachkam. Im Gegenteil soll er die ihm vorliegenden Informationen vor dem im Stab befindlichen Personal verborgen haben. Dadurch wurde offenbar der Boden dafür bereitet, dass militärisches Personal, das unter Vorwänden wie Alarm, Übung oder Terrorwarnung zum Dienst einbestellt worden war, in eine „unvermeidbare Fehlentscheidung“ gedrängt wurde.
Generalmajor Mehmet Göktan befand sich in der Nacht der Ereignisse auf einer Hochzeit im Zentralen Offizierskasino
Gemäß dem Innerdienstgesetz der TSK hätte Generalmajor Mehmet Göktan insbesondere in einer außergewöhnlichen Lage zunächst selbst unverzüglich seinen Dienst im Hauptquartier antreten und das gesamte Personal der Landstreitkräfte, allen voran das Stabspersonal, informieren müssen. Stattdessen stellte sich heraus, dass er sich in jener Nacht auf einer Hochzeit im Zentralen Offizierskasino befand und das nur etwa zehn Gehminuten entfernte Hauptquartier der Landstreitkräfte nicht aufsuchte.
Diese Umstände haben Zweifel dahingehend aufkommen lassen, dass Generalmajor Mehmet Göktan bereits gegen 22:00 Uhr in einer noch völlig unklaren und chaotischen Lage über umfassende Kenntnisse verfügte und Teil einer gegen unschuldiges militärisches Personal gerichteten Intrige gewesen sein könnte.
Auch der Operationschef der Landstreitkräfte erschien trotz Ankündigung nicht zum Dienst und informierte seine Untergebenen nicht
Aus den Aufzeichnungen des Operationsjournals des Operationszentrums der Landstreitkräfte (2) geht hervor, dass der damalige Operationschef der Landstreitkräfte, Generalmajor Mehmet Okkan, das Operationszentrum in jener Nacht nach 20:00 Uhr dreimal telefonisch kontaktierte und ankündigte, ins Hauptquartier zu kommen. Dennoch erschien er bis zum Morgen nicht im Hauptquartier und informierte sein Personal nicht über die sich entwickelnden Ereignisse.
Dass auch Generalmajor Mehmet Okkan sich an diesem Abend auf einer Hochzeit im Zentralen Offizierskasino befand, hat ebenfalls den Verdacht genährt, dass er bereits gegen 20:00 Uhr in einer noch ungeklärten, chaotischen Lage über Vorabkenntnisse verfügte und Teil der errichteten Intrige gewesen sein könnte.
Gleichzeitig wurde bekannt, dass im Verfahren zum Hauptquartier der Landstreitkräfte trotz wiederholter Anträge, diese Kommandeure vor Gericht als Zeugen zu vernehmen, sämtliche Anträge ohne Begründung abgelehnt wurden.
Umut Güçlüer
Quellen
[1] Zeugenaussage des Unteroffiziers Fatih Yurtsever vom 06.07.2018, abgegeben vor Gericht im Rahmen der Verfahrensakte 2017/46 des 19. Schweren Strafgerichts Ankara im Zusammenhang mit der Anklageschrift zu den Landstreitkräften.
[2] Journaleinträge (Ceride-Aufzeichnungen) im Anhang des Berichts der Landstreitkräfte vom August 2016, Aktenzeichen HRK.: 22282378-1270-161/1, Ermittlungsbericht.