Türkeis Verlust: Der massive Braindrain nach dem Putschversuch vom 15. Juli.
Der 15. Juli 2016 ist, gemessen an den Ereignissen davor und danach, als ein schwarzer Fleck in die Geschichte eingegangen, an dem die Machthaber und ihre Partner die demokratischen Errungenschaften und die Zukunft der Türkei gestohlen haben.
Die Phase vor und nach dem 15. Juli stellt eine tiefschwarze Ära dar, in der die von Macht- und Geldgier getriebenen Machthaber und ihre Partner die vielversprechende Zukunft des Landes sowie seine gut ausgebildeten Menschen – die durch Investitionen von mindestens einem Vierteljahrhundert herangezogen wurden – durch diverse rechtswidrige Praktiken aus ihren Berufen entließen. Es ist eine Zeit, in der diese Menschen mit im Gesetz nicht vorgesehenen Verleumdungen und sogenannten Anschuldigungen in Gefängnisse geworfen, ihrer Freiheit beraubt, Folter ausgesetzt, dem Hungertod preisgegeben und einem Genozid unterzogen wurden.
Um diesen Prozess in der Türkei aufzuhellen und die von der Regierung und ihren Partnern in den Raum gestellte Lüge des Putschversuchs vom 15. Juli aufzudecken, haben einige Menschen die Wahrheiten in ihren Verteidigungsreden vor Gericht ausgesprochen. Andere wiederum emigrierten ins Ausland und schilderten der Weltöffentlichkeit die Realität.
Tatsächlich spricht die Zahl der gebildeten Menschen, die nach dem 15. Juli ins Ausland abwanderten, für sich. Bedenkt man dies zusammen mit der Anzahl der hochqualifizierten Personen, mit denen die Gefängnisse gefüllt wurden, wird das Ausmaß des Verlustes deutlich, mit dem die Türkei konfrontiert ist.
In unserem Bericht schildern wir die Erfolgsgeschichte eines Offiziers im Ausland, der nach dem 15. Juli aus den türkischen Streitkräften (TSK) entlassen wurde und gegen den eine lebenslange Haftstrafe gefordert wurde.
In einem Interview mit der HNA, einem der angesehenen Medienhäuser Deutschlands, erzählte Serkan K. (Name aus Sicherheitsgründen geändert), was er in der Türkei während des Prozesses rund um den 15. Juli erlebt hat.
Serkan K., der in seinem Berufsleben viele Auszeichnungen und Anerkennungen für seine Erfolge erhielt, berichtet, dass er während seiner Dienstzeit in Ankara oft Überstunden leistete und dies als Pflichtbewusstsein verstand. Er betont, dass das TSK-Personal aufgrund der zahlreichen Terroranschläge in der Türkei im Jahr 2016 ständig in Alarmbereitschaft war, und erklärt, dass sein Vorgesetzter ihn am Abend des 15. Juli zum Dienst rief. Er sei in Zivilkleidung zum Dienst gegangen. Nach einer Weile sei eine Atmosphäre des Chaos ausgebrochen; Zivilisten seien auf die Straßen geströmt und auf die Militäreinheiten zugekommen. Serkan K. schildert, wie er zusammen mit anderem Militärpersonal die Rede von Staatspräsident Erdoğan im Fernsehen verfolgte. Er gibt an, dass er Erdoğans Worten über den sogenannten Putschversuch – dieser sei „ein Geschenk Gottes“ – anfangs keine Bedeutung beimesse konnte, nun aber verstehe, was dieser Satz bedeutete: Erdoğan habe mit der Falle dieses sogenannten Putschversuchs alle Menschen, die ihm gefährlich werden könnten, in die Gefängnisse gesperrt und eingeschüchtert.
Da er sah, dass er unschuldig war, es aber kein angemessenes rechtsstaatliches Umfeld gab, um dies zu beweisen, hielt sich Serkan K. in den folgenden Tagen versteckt und konnte seine Familie nur sehr eingeschränkt und heimlich treffen. Er berichtet, dass seine Frau schwanger war und während der Zeit, in der er sich verstecken musste, unter großen Schwierigkeiten und unter falschem Namen entbinden musste.
Gegen Serkan K., von dem wegen der mutmaßlichen Beteiligung an dem sogenannten Putschversuch eine lebenslange Haftstrafe gefordert wurde, wurden auch Razzien der Polizei im Haus seiner Familie durchgeführt. Da er keinen anderen Ausweg sah, als das Ausland aufzusuchen, überquerte Serkan K. zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern unter schwierigen Bedingungen den Fluss Evros (Meriç) und gelangte über Griechenland nach Deutschland.
Serkan K. erklärt, dass er in Deutschland ganz von vorn angefangen habe. Er und seine Familie bildeten ein hervorragendes Beispiel für Integration: In kurzer Zeit lernte er Deutsch, erlernte einen Beruf in einem völlig neuen Bereich und führt sein Leben nun als IT-Spezialist fort. Serkan K. betont, dass sie in Deutschland frei seien und ihre Kinder in diesem freien und friedlichen Umfeld aufwüchsen. Zudem äußert er den Wunsch, den in der Türkei in Not zurückgelassenen Menschen stets zu helfen.
Die Familie Serkan, die bei null anfing, verschiedenen Schwierigkeiten trotzte und in dieser neuen Umgebung in kurzer Zeit die eigene Entwicklung und Integration meisterte, ist nur eines von vielen Beispielen für erfolgreiche, gebildete Familien, die an die Kraft der Demokratie glauben, deren Leben voller Erfolge steckte und die aus der Türkei auswandern mussten.