Ein Mord wird am Tatort aufgeklärt

Ein Mord wird am Tatort aufgeklärt
14/07/2026

Der in dem Verfahren zu den Ereignissen in der Nacht des 15. Juli 2016 angeklagte Unteroffizier (Astsubay) İrfan Altuntaş hat in seiner Verteidigung zahlreiche Widersprüche und Versäumnisse zur Sprache gebracht, seine Unschuld beteuert und betont, dass gravierende Unstimmigkeiten zwischen den Projektilen bei den an jenem Tag getöteten und verletzten Personen und der Munition des Personals bestehen.

Nicht untersuchte Projektile und widersprüchliche ballistische Berichte

Der Unteroffizier İrfan Altuntaş erklärte, dass von den 5 aus dem Körper des verstorbenen Ömer Takdemir entnommenen Projektilteilen lediglich 4 untersucht worden seien und bezüglich des 5. Teils keinerlei Sachverständigenprüfung stattgefunden habe. Zudem betonte er, dass eines dieser Projektile als ein panzerbrechendes Geschoss mit Stahlkern im Kaliber 9 mm erfasst worden sei, sich eine solche Munition jedoch nicht im Bestand der TSK befinde.

Er gab an, dass im Obduktionsbericht des verstorbenen Samet Cantürk der Durchmesser des entnommenen Projektils mit 0,8 cm angegeben sei, dieses im ballistischen Bericht von Ankara jedoch als 5,56 mm bewertet wurde.

Behauptungen über Explosionen und Schrapnelle

Unteroffizier İrfan Altuntaş führte aus, dass der verstorbene Ümit Güder nicht durch ein Projektil, sondern durch Metallteile ums Leben gekommen sei, die infolge einer in der Region erfolgten Explosion seinen Körper trafen; dennoch seien diese Teile nicht vom kriminaltechnischen Labor untersucht worden.

Zudem erklärte er, dass die bei Ali Anar gefundenen zerrissenen Koppeltragesysteme (hücum yeleği) und Handschuhe ebenfalls nicht untersucht worden seien. Er fügte hinzu, dass es dem gewöhnlichen Lauf des Lebens widerspreche, dass ein ziviler Bürger ein Koppeltragesystem trage.

„Das SAT-Personal besaß außer 5,56 mm keine andere Munition“

In der Verteidigung wurde dargelegt, dass das SAT-Personal in der Nacht des 15. Juli ausschließlich über Munition im Kaliber 5,56 mm verfügt habe. Es sei weder Manövermunition, Leuchtspurmunition noch Munition mit Stahlkern verwendet worden; bei den Verletzten und Opfern seien jedoch Schrapnellteile, Streubomben-Elemente (misket bombası), Schrot (Munition für Jagdgewehre) und Gummigeschosse gefunden worden. Es wurde betont, dass diese Sachverhalte auch durch Krankenhausberichte dokumentiert seien.

Widersprüche bezüglich der getöteten Polizisten

Unteroffizier İrfan Altuntaş erklärte, dass auch bei den Untersuchungen zu den getöteten Polizisten Unstimmigkeiten vorlägen:

Obwohl das aus dem Körper des getöteten Polizisten Halil Hamuryen entnommene Projektil Zug- und Feldspuren (yiv-set izleri) aufgewiesen habe, sei nicht festgestellt worden, aus welcher Waffe es abgefeuert wurde, obwohl dies bei vorhandenen Zug- und Feldspuren im Normalfall ermittelt werden könne.

In der Sterbeurkunde der getöteten Polizistin Cennet Yiğit sei das Todesdatum auf einen Tag vor den Ereignissen, den 15. Juli 2016 um 11:00 Uhr, datiert worden.

Bei dem getöteten Polizisten Mustafa Aslan seien sowohl metallische als auch plastische Fremdkörper entnommen worden.

Zu den beim getöteten Polizisten Birol Yavuz gefundenen leeren Patronenhülsen sei keinerlei Abgleich durchgeführt worden.

Zudem erklärte er, dass die Verletzungen bei einigen Polizisten in den Berichten ohne eine Differenzierung zwischen Projektilspuren und Schrapnellspuren erfasst worden seien, was die Aufklärung des Geschehens erschwert habe.

Des Weiteren gab er an, dass bei den verletzten Personen Fatih Uzar, Ali Aydınlar, Emre Aydoğdu und Bekir Palaybey ebenfalls Schrot von Jagdgewehren entnommen worden sei.

Eine leere Patronenhülse habe die Kennzeichnung GFL (italienischer Patronenhersteller) und eine andere die Kennzeichnung FNB (finnischer Patronenhersteller) getragen; sie selbst hätten an jenem Tag jedoch ausschließlich Munition aus neuen Schachteln entnommen, weshalb das vereinzelte Auffinden solcher ausländischen Hülsen für sie unerklärlich sei.

„Die Tatortarbeit wurde verzögert“

Er legte zudem dar, dass die Tatortarbeit nicht rechtzeitig durchgeführt worden sei. Trotz eines entsprechenden Antrags vom 29. Juli sei die Untersuchung erst am 5. August 2016 erfolgt, weshalb die Beweismittel ihre Zuverlässigkeit verloren hätten.

„Ein Mord wird am Tatort aufgeklärt“

In der Verteidigung wurde der Prozess mit den Worten bewertet: „Ein Mord wird am Tatort aufgeklärt. Wenn man die Tatortarbeit nicht rechtzeitig, effektiv und korrekt durchführt, besitzen die erlangten Beweismittel keinerlei Wert.“

Der Unteroffizier İrfan Altuntaş beteuerte aufgrund all dieser Versäumnisse und Widersprüche seine Unschuld und erklärte, dass er keine Verantwortung für die Ereignisse trage und die verwendete Munition sowie die erlangten Beweismittel nicht mit dem TSK-Bestand übereinstimmten. Dennoch wurde er, ohne dass die von ihm geforderten Untersuchungspunkte berücksichtigt wurden, zu mehrfach lebenslanger Haft verurteilt und wird, zusammen mit Hunderten seiner Kameraden, denen ebenfalls zu Unrecht die Freiheit entzogen wurde, seit Jahren im Gefängnis festgehalten.

Serdar Türkoğlu