Kooperation mit Russland, die Gerassimow-Doktrin und der 15. Juli
Im Jahr 2013 wurde vom russischen Generalstabschef Waleri Gerassimow die sogenannte Gerassimow-Doktrin entwickelt, die auch als hybride Kriegsführung bezeichnet wird. In einem Artikel der Zeitung Aydınlık vom 28. Dezember 2017 wurden einige Grundsätze dieser Gerassimow-Doktrin, die von Russland und dem ihm angeschlossenen Block angewandt werden soll, wie folgt beschrieben:
Durch die heutigen Entwicklungen in den Elektronik- und Kommunikationstechnologien sowie konjunkturelle Entwicklungen im Kontext der militärischen und internationalen Beziehungen zwischen Ländern und Blöcken haben sich Kriege und Kriegsmethoden verändert.
Presse, Rundfunk und Massenmedien müssen genutzt werden, um die Gesellschaft des Ziellandes zu manipulieren.
Russlands Nachbarn sind stärker geworden; diese Nachbarn müssen ausgeschaltet werden.
Die zivilen und militärischen bürokratischen Kader des gegnerischen Landes müssen mit „nicht-militärischen Methoden“ neutralisiert werden.
Der asymmetrischste Schachzug der Doktrin ist der Grundsatz: „Die Streitkräfte des gegnerischen Landes müssen mit nicht-militärischen Methoden neutralisiert werden.“ Indem der prorussische Flügel innerhalb der Armee- und Bürokriestruktur des Ziellandes genutzt wird, wird ein derart asymmetrischer Effekt erzielt, dass die Streitkräfte des Ziellandes in einem konventionellen Krieg unbrauchbar gemacht werden.[1]
Die erste fundamentale Anwendung dieser Doktrin erfolgte im Februar 2014 gegen das Zielland und den Nachbarn Ukraine, wodurch die Krim über Nacht und fast ohne einen einzigen Schuss zu feuern annektiert wurde. Doch wie? Hierfür wurden bereits Monate zuvor prowestliche Akteure in der ukrainischen Armee und Bürokratie auf der Krim vom eurasischen Flügel erfasst und Listen erstellt. Die russische Armee und ihre Spezialeinheiten, die wie aus dem Nichts über Nacht auf der Krim einmarschierten, verhafteten diese erfassten Bürokraten und Militärs und verkündeten die Annexion der Krim, indem sie gemeinsam mit dem prorussischen Flügel agierten. Dies war der sichtbarste Schachzug einer Reihe von Expansionsanzeichen, die sich schon lange in der Region abzeichneten.
Die russisch-iranische Einflusszone, die sich von Norden nach Süden wie eine Chinesische Mauer zwischen Asien und der westlichen Welt erstreckt, weitete sich weiter aus. Die sektiererische/konfessionelle iranische Expansion, die im Jemen begann und sich über Katar, die VAE, den Irak, den Libanon bis nach Syrien erstreckte, sowie das Erreichen der warmen Meere – ein 300 Jahre altes Ziel des strategischen Verbündeten Russland – waren in dieser Phase weitgehend erfolgreich. Die Vollendung dieser Mauer und die Verringerung des Einflusses des westlichen/NATO-Bündnisses waren ein zentrales Anliegen der iranisch-russischen Expansion.
Anwendung der Gerassimow-Doktrin in der Türkei
Zieht man die Aussage „Die Ära der Türken ist vorbei, die Ära der Perser hat begonnen“[2] und die Rolle eurasischer Offiziere am 15. Juli 2016 in Betracht, wird deutlich, dass die Gerassimow-Doktrin in der Nacht des 15. Juli in Kraft war.
Um die russisch-iranische Einflusszone zu vervollständigen und die Türkischen Streitkräfte (TSK) – ein effektives Element der NATO in der Region – zu liquidieren, wurde die Gerassimow-Doktrin bereits Monate vor dem 15. Juli in der Türkei in Gang gesetzt.
Monate im Voraus wurden jene Soldaten, die im offiziellen Jargon des Regimes als prowestlich/pro-NATO bezeichnet wurden, erfasst und Listen erstellt. Noch bevor überhaupt eine gerichtliche Entscheidung vorlag, welche die Gülen-Gruppe als Terrororganisation einstufte, wurden die pro-amerikanischen, pro-westlichen und pro-NATO-orientierten Kader in der zivilen und militärischen Bürokratie der Türkei von pro-russischen, pro-iranischen und pro-chinesischen Eurasiern sowie von politischen Islamisten im Sinne des offiziellen Regimenarrativs erfasst. Es wurden Säuberungslisten erstellt, Treffen hierzu abgehalten, und diese Gruppe war es auch, die das Narrativ eines Putschs zuerst artikulierte und den ersten Eingriff vornahm.
Über Massenmedien wurde das Putsch-Narrativ verbreitet, die Öffentlichkeit manipuliert und die Wahrnehmung erzeugt, dass ein Putsch bevorstehe. Mit dem Gesetz Nr. 6722 wurden die Aufgaben und Zuständigkeiten der TSK in Bezug auf Terrorismus und Sicherheitsvorfälle neu geregelt. Anstelle des zuvor aufgehobenen EMASYA-Protokolls wurde den Türkischen Streitkräften auf gesetzlichem Weg die Aufgabe „Unterstützung der Strafverfolgungsbehörden bei gesellschaftlichen Ereignissen“ (KOKTOD) übertragen. In der Nacht des 15. Juli wurden die Militärangehörigen unter dem Vorwand eines bevorstehenden Terrorangriffs in die Kasernen gerufen. Der Ablauf wurde so geplant, dass er scheitern musste, und zusammen mit der Inszenierung des vermeintlichen Attentatsversuchs auf den Staatspräsidenten in Marmaris wurde das Projekt des 15. Juli gestartet.
Als das Militär in der Nacht des 15. Juli aus den Kasernen ausrückte, waren diejenigen, die im Sinne der Gerassimow-Doktrin zuerst Widerstand leisteten – wie zu erwarten war –, jene pro-russischen, pro-iranischen und pro-chinesischen eurasischen Soldaten und zivilen Kader, die vorab informiert und vorbereitet worden waren.
Nach dem 15. Juli wurden die von den eurasischen Kadern erfassten pro-amerikanischen, pro-westlichen und pro-NATO-orientierten Kader innerhalb der Türkischen Streitkräfte und der zivilen Bürokratie ab dem Folgetag der Putchnacht ohne jeglichen Gerichtsbeschluss, ohne Einleitung einer Untersuchung und ohne Einholung einer Verteidigung entlassen. Dies geschah rechtswidrig in Eile mittels Dekreten mit Gesetzeskraft (KHK), basierend auf einem Feindstrafrecht, wie es in autoritären Regimen üblich ist. Im Anschluss an diese Säuberungen wurde die Achse der Türkei innerhalb des US-West-NATO-Bündnisses durch die pro-russischen, pro-iranischen und pro-chinesischen eurasischen/politisch-islamistischen zivilen und militärischen Bürokraten, welche die Plätze der entlassenen Kader einnahmen, hin zu einer pro-russischen, pro-iranischen und pro-chinesischen „eurasischen Achse“ verschoben, in der ein autoritäres und totalitäres Regierungsverständnis herrscht.
Als Ergebnis wurde die Führungsebene, die das Gehirn der TSK bildete, sowie das Generalstabskorps und fast die gesamte mittlere und obere Führungsebene entlassen, wodurch die TSK für die konventionelle Kriegsführung unbrauchbar gemacht wurde.
Die pro-russischen, pro-iranischen und pro-chinesischen eurasischen/politisch-islamistischen Offiziere, die im Zuge dieses Prozesses die Nachfolge der aus der TSK entfernten Kader antraten, bemühten sich, die NATO-kompatiblen institutionellen Strukturen und Systeme innerhalb der Türkischen Streitkräfte zu zerschlagen. Diese Offiziere begannen damit, die seit dem NATO-Beitritt vor rund 70 Jahren genutzten NATO-kompatiblen Waffensysteme, Ausrüstungen sowie die bei deren Betrieb angewandten Kriegstaktiken und -methoden einzustellen. Der derzeitige Kauf des russischen Luftverteidigungssystems S-400, das explizit gegen NATO-Systeme entwickelt wurde, durch die Türkischen Streitkräfte, der Ausbau der Zusammenarbeit durch strategische Abkommen wie den laufenden Bau des Kernkraftwerks Akkuyu in Mersin sowie die Versuche, die Öffentlichkeit über Massenmedien mit dem Narrativ „Die Türkei muss die NATO verlassen“ zu manipulieren, zeigen, dass die Gerassimow-Doktrin in der Türkei auch heute noch Anwendung findet.
Umut GÜÇLÜER
Quellen: [1] Die Wahl zwischen den USA und Eurasien, Die Doğu-Perinçek-Synthese, 1. Juli 2018. [2] Aus den Verteidigungsaussagen von Brigadegeneral Erhan Caha vom 26. Juli 2018 im Rahmen des [Haupt-]Verfahrens Nr. 2017/109 vor der 17. Großen Strafkammer in Ankara: „Wir hören, wie ein Polizist, der sich unter dem Personal bewegte, das im Hof des Generalstabsgebäudes auf dem heißen Asphaltboden nur in Unterwäsche festgehalten wurde, zu diesem Personal sagte: 'Das machen die Perser mit einem'. Im TEM-Saal [Zentrum für Terrorismusbekämpfung] sagte ein ca. 120 Kilo schwerer, dunkelhäutiger Polizist mit Sonnenbrille: 'Die Ära der Türken ist vorbei, die Ära der Perser hat begonnen'. Dies wird als Zitat aus dieser Aussage angeführt.“