Geben Sie uns von dort 4 Piloten, zwei davon sollen kampfbereit sein.
Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht mit einer neuen Ausnahmesituation erwachen. Sei es eine Naturkatastrophe, ein hausgemachtes Übel oder eine durch dieses Übel befeuerte Eskalation – die Opfer werden immer tiefer in den Abgrund gerissen. Das Schlimmste daran: Wir erleben diese Krisen nicht nacheinander, sondern zeitgleich. Die Schreie der Erdbebenopfer vermischen sich mit dem Flehen krebskranker Kinder, die gewaltsam von ihren Müttern getrennt werden. Der Verwaltungsapparat, der eigentlich zum Schutz der Bürger geschaffen wurde, hat sich zur eigentlichen Quelle des Problems gewandelt.
Ein aktuelles Beispiel ist eine Stellenausschreibung des Verteidigungsministeriums (MSB): Die Suche nach Offiziersanwärtern für die Pilotenlaufbahn aus externen Quellen. Dieser Skandal kommt nicht überraschend; man hat diesen Zustand förmlich herbeigeschrien, als man massenhaft Entlassungslisten (KHK) im Staatsanzeiger veröffentlichte.
Nach meinen Recherchen wurden bis zum Jahr 2020 mindestens 620 Piloten allein durch diese KHK-Listen entlassen. Hinzu kommen über 200 weitere Piloten, die vom Ministerium ohne öffentliche Listung ausgeschlossen wurden. In den letzten Jahren habe ich aufgehört, diese Zahlen weiter zu verfolgen. Doch es traf nicht nur erfahrene Piloten: Über 900 Flugschüler der Luftwaffenakademie wurden entlassen, und die Militärluftschule „Işıklar“ – eine der qualitativen Bildungseliten des Landes – wurde geschlossen.
Damit wurde nicht nur die Ausbildungsschule entkernt, die einst NATO-akkreditiert war und Piloten für fünf bis sechs Nationen sowie für die Turkish Airlines ausbildete, sondern man hat die personelle Basis der Luftwaffe systematisch ausgetrocknet. Rund 70 % der aktiven Piloten gingen verloren. Schlimmer noch: Das Vertrauen junger Talente in das System wurde zerstört. Diese tiefe Verunsicherung schreckt nicht nur potenzielle Bewerber ab, sondern ist auch das größte Hindernis für die wenigen verbliebenen Flieger im Dienst. Eine Luftwaffe, die einst den gesamten zivilen Sektor mitversorgte, muss nun händeringend und öffentlich nach Personal suchen.
Mancher mag einwenden: „Wir haben doch keinen totalen Krieg, reicht nicht ein Minimum an Piloten aus?“ Die Antwort ist bitter: Wenn man die Lufthoheit verliert – wie etwa in Syrien –, werden die Leichen der eigenen Soldaten auf Traktorgespannen von der Lokalbevölkerung zurückgebracht. Dann muss der Gouverneur von Hatay die Zahl der Gefallenen verkünden, weil man selbst den Überblick verloren hat. Und wenn bei einem Erdbeben keine Transportmaschinen bereitstehen, um Rettungsteams sofort ins Krisengebiet zu bringen, verurteilt man die Menschen unter den Trümmern zum Erfrierungstod.

Das Problem dieser Säuberungswelle geht weit über die bloße Fähigkeit hinaus, einen Jet zu fliegen; es ist die Zerstörung der operativen Handlungsfähigkeit der Luftwaffe. Diesen Trümmerhaufen können nicht 20 bis 30 Senioren beseitigen, die man mit viel Geld oder Zwang zurück in den Dienst ruft. Eine kampfbereite Luftmacht basiert auf einem eingespielten System erfahrener Kader, das über Jahrzehnte gewachsen ist.
Ein Rechenbeispiel für den personellen Neuaufbau:
Flugschüler (4. Jahr): 4 Jahre bis zum Wiedererreichen des Status.
Kampfbereiter Leutnant: 6 Jahre.
Rottenführer (Oberleutnant): 9 Jahre.
Einsatzführer: 11 Jahre.
Fluglehrer: 12 Jahre.
Staffelkapitän: 22 Jahre.
Basis-Kommandant (General): 28 Jahre.
Dies setzt voraus, dass man überhaupt fähige Ausbilder und geeignete Bewerber findet. Von den Kosten ganz zu schweigen: Ein F-16-Pilot kostet bis zum Ende seiner Grundausbildung etwa 5,6 Millionen Dollar – und auf diesem Niveau ist er in einer Staffel gerade einmal befugt, dem Rottenführer den Tee zu bringen.
Piloten, die entlassen wurden und ins Ausland fliehen konnten, haben oft nur ein bis zwei Jahre gebraucht, um in anderen Sektoren finanziell wieder Fuß zu fassen. Doch hat das türkische Volk nach sieben Jahren Ersatz gefunden? Die Verzweiflung der aktuellen Stellenausschreibungen spricht Bände. Mit der Mentalität „Geben Sie uns von dort 4 Piloten, zwei davon sollen kampfbereit sein“ wird man noch lange warten müssen. Es bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen zur Vernunft kommen, bevor eine Katastrophe eintritt, bei der der Mangel an Piloten mit Blut bezahlt wird. Ob die gedemütigten und gefolterten Piloten jemals zurückkehren würden, selbst wenn man sie um Verzeihung bittet, bleibt mehr als fraglich.
Yüksel Akkale
Oberst i.G. a.D. der Luftwaffe
Quellen:
[1] Staatsanzeiger der Republik Türkei (resmigazete.gov.tr)
[2] RAND Corporation Research Report