Die unbekannten Hintergründe des ‚Folterzentrums Çiftlik‘
Mit dem 15. Juli wurden die in der Türkei in allen Bereichen erlebten und erleiden gelassenen Rechtswidrigkeiten nicht nur illegale Aktivitäten legitimiert, sondern es wurde auch geduldet, dass staatliche Institutionen selbst diese illegalen Aktivitäten durchführten; durch verschiedene Gesetze wurden sie sogar offen gefördert. Eine davon sind die Menschenentführungen der Präsidentschaft des Nationalen Geheimdienstes (MIT) im In- und Ausland.
Die Entführungsmethoden des MIT sind durch Aussagen verschiedener Zeugen und Angehöriger der Opfer sowie durch Kamerabilder ans Licht gekommen. Dass die entführten Menschen im Folterzentrum namens „Çiftlik“ unmenschlichen Behandlungen ausgesetzt wurden, ist ebenfalls durch Zeugenaussagen und Opferberichte belegt. Neue Informationen und Zeugenaussagen zeigen das Ausmaß des dort erlebten Grauens.
Hier sind die unbekannten Hintergründe des Folterzentrums „Çiftlik“.
Der auf Grundlage der Schilderungen der Opfer gezeichnete Grundriss des Folterzentrums und weitere Details sind wie folgt:

I) Flur – Eine Treppe führt nach unten und öffnet sich zu einem Flur.
II) Personalraum – Im Raum befinden sich Monitore zur Kamerabeobachtung, ein Sofa und ein Einzelsessel. Von diesem Raum aus gelangt man in einen anderen Raum, der als Küche genutzt wird; dort gibt es eine Küchenarbeitsplatte und Schränke.
III) Folter- und Verhörraum – Einer der Räume, in denen entführte Menschen festgehalten und gefoltert wurden. Zunächst gibt es einen als Hof bezeichneten Bereich, danach einen Raum. Nur in diesem Raum befindet sich ein Bett. Der Raum ist ohne Licht, völlig dunkel.
IV) Folter- und Verhörraum – Mit Hofbereich und anschließendem Raum; kein Bett, nichts, womit die Verhörten ihre körperlichen Bedürfnisse erfüllen könnten.
V) Folter- und Verhörraum – Mit Hofbereich und anschließendem Raum; kein Bett; die Wände sind mit schalldämmendem Material verkleidet.
VI) Folter- und Verhörraum – Mit Hofbereich und anschließendem Raum; kein Bett; auch hier schalldämmende Wände.
VII) Geschlossener Raum – Besteht aus nur einem Abschnitt.
Dunkelheit, Kälte, ohrenbetäubende Musik und keine Toilette
Von MIT-Personal entführte Personen werden im Folterzentrum „Çiftlik“ unmenschlicher Behandlung ausgesetzt. In den Räumen gibt es keine Toiletten. Schlafentzug, Hunger, dauerhafte laute Musik, Zerstörung des Tag-Nacht-Gefühls, Verhöre unter Medikamenten, Elektroschocks und ähnliche Handlungen sind dort alltäglich geworden. Nach dem 15. Juli 2016 tritt vor allem die MIT-GİB (Sicherheitsnachrichtendienstliche Abteilung) als aktivste Einheit bei den Entführungen hervor.

Es gibt keine Behauptung oder Information, dass Soldaten direkt in diesem Zentrum gefoltert wurden. Jedoch wurde die Strafvollzugsordnung geändert, sodass Gefangene auf Antrag der zuständigen Behörde (einschließlich MIT) aus dem Gefängnis zur Vernehmung herausgebracht werden konnten. In diesem Rahmen gibt es Hinweise, dass auch inhaftierte Soldaten aus dem Gefängnis geholt und verhört wurden.
Daher mussten Personen, die im Rahmen der 15.-Juli-Verfahren inhaftiert waren, in ständiger Angst leben, aus dem Gefängnis geholt und gefoltert zu werden. Einige, die nach systematischer Folter wieder ins Gefängnis zurückgebracht wurden, gaben in ihren Aussagen sogar an, „froh“ gewesen zu sein, wieder im Gefängnis zu sein, weil die Folter dort endete. Die bloße Existenz dieses Folterzentrums und die dem MIT verliehenen Befugnisse wurden für viele Inhaftierte zu einer Art seelischer Folter.
Ein Folterzentrum auf dem Gelände der Atatürk-Waldfarm (AOÇ)
Der als „MIT-Çiftlik“ bezeichnete Ort ist ein zusätzliches Dienstgebäude der Präsidentschaft des Nationalen Geheimdienstes (MIT) und liegt innerhalb der Atatürk Orman Çiftliği (AOÇ) in Ankara. Auch die Büros des damaligen Leiters der Auslandsoperationen Kemal Eskintan befinden sich auf demselben Campus.

Das Geständnis von Erhan Pekçetin (hochrangiger MIT-Beamter)
Erhan Pekçetin, ein von der PKK entführter hochrangiger MIT-Mitarbeiter, sagte in seinen in der Presse verbreiteten Aussagen:
„Wir haben den Sonderoperations-Verhörkomplex ebenfalls genutzt – als GİB. Einen Tag später brachte die ‚F…-Abteilung‘ einen männlichen Gefangenen. Es ist ohnehin ein kleiner Ort mit drei bis vier Zellen und einem Schutzbereich. Nachdem er gebracht wurde, rief der GİB-Präsident an und sagte: ‚Macht keinen Lärm, erhebt nicht die Stimme und schaltet die Kameras aus.‘ Es gibt Kameras, die die Zellen zeigen.“
Damit bestätigte er ausdrücklich die Existenz des Folterstützpunkts.

Der Fall Ayten Öztürk
In einem Verfahren vor dem 3. Schweren Strafgericht Istanbul schilderte Ayten Öztürk, die wegen angeblicher DHKP-C-Mitgliedschaft angeklagt war, dass sie nach ihrer Rückführung mit einem Privatflugzeug in die Türkei:
schwer verprügelt,
mit Strom gefoltert,
sexuell und psychisch schwer misshandelt wurde.
Sie erklärte, ihr Körper habe Hunderte Wunden getragen und sie sei auf 40 Kilogramm abgemagert. Die Personen, die sie folterten, hätten offenbar medizinische Kenntnisse gehabt; wenn ihr Körper zusammenbrach, sei sie von einem speziellen Team behandelt und anschließend erneut gefoltert worden.
Öztürk beschrieb den Ort als „den tiefsten Punkt der Hölle“.
Ihre Aussagen wurden sowohl durch die Schilderungen des MIT-Beamten Erhan Pekçetin als auch durch viele andere Opfer bestätigt, die entführt und in dieses Zentrum gebracht worden waren.
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