Das unbekannte Gesicht des 15. Juli in Marmaris
Nach der Nacht des 15. Juli 2016, die als „(sogenannter) Putschversuch“ in die Geschichte einging, wurden Tausende Soldaten der türkischen Streitkräfte verhaftet und aus dem Dienst entlassen. Kapitänleutnant der SAT-Kommandos Özay Cödel, gegen den der Vorwurf des „Attentats auf den Staatspräsidenten“ erhoben und der zu erschwerter lebenslanger Haft verurteilt wurde, ist nur einer dieser Namen. Seine Aussage in der Gerichtsverhandlung vom 9. Januar 2020 besitzt jedoch das Potenzial, viele dunkle Punkte aufzuklären, die der Öffentlichkeit unbekannt sind.
Wer ist Özay Cödel? Özay Cödel ist ein Marineoffizier, der im Kommando der SAT (Sualtı Taarruz – Unterwasser-Angriffskommando), einer der elitäresten Einheiten der Türkei, diente. Seiner Aussage zufolge war er ein Soldat, der Monate vor dem 15. Juli an verschiedenen Schulungen teilgenommen hatte und seinen Dienst mit Disziplin versah. Doch nach dem sogenannten Putschversuch verwandelte sich sein Name in das Mitglied einer „Attentatseinheit“ des SAT-Personals. Wie aber kam es dazu?
Cödel erklärt, dass er an dem Auftrag, der die Grundlage des Attentatsvorwurfs bildet, nicht bewusst teilgenommen, sondern den Befehl Wort für Wort ausgeführt habe. In seinen eigenen Worten: „Am Mittwoch, dem 13. Juli 2016, war ich im SAT-Kommando des Flottenkommandos Gölcük im Dienst. Am selben Tag wurde ich vom Stützpunktkommandanten angerufen und mir wurde gesagt: ‚Kapitänleutnant, wir haben dich für einen Auftrag eingeteilt, du begibst dich morgen Früh nach Çiğli.‘“ Cödel war also weder Planer noch Treibende Kraft; er war lediglich ein Soldat, der handelte, um den Befehl seines Kommandanten auszuführen. Dass der Einsatzbefehl nicht schriftlich, sondern mündlich erteilt wurde, ist ebenfalls bemerkenswert. Umstand stellt sich später bei vielen beschuldigten Soldaten als gemeinsames Detail heraus.
„Wir haben selbst nicht verstanden, was los war; wir haben zum ersten Mal einen solchen Auftrag erhalten.“ Cödels Aussagen verdeutlichen, dass der Auftrag bezüglich Marmaris nicht im Voraus geplant war, sondern durch momentane Befehle geformt wurde, die im Rahmen der sich entwickelnden Ereignisse erteilt wurden: „Die einzige Information zum Auftrag war, dass es sich um einen Spezialauftrag handelte. Über den Zweck wurde uns nichts gesagt. Wir sind mit dem Flugzeug in Dalaman gelandet und wurden anschließend mit dem Hubschrauber transportiert. Als wir das Operationsgebiet erreichten, wussten wir selbst nicht, womit wir konfrontiert werden würden.“ Cödel stellt hier eindeutig klar, dass er keinerlei Informationen über die Natur, den Zweck und das Ziel des Auftrags besaß und sie in Bewegung gesetzt wurden, ohne die Details des Plans zu kennen.
„Wir dachten, wir würden zu einem Einsatz zur Terrorbekämpfung geschickt.“ Kapitänleutnant Cödel erklärt im weiteren Verlauf seiner Verteidigung, dass sie die Einteilung für eine klassische „Operation zur Terrorbekämpfung“ hielten: „Die Art unserer Dienstzuteilung entsprach genau den Zuteilungen, die zuvor bei Terroroperationen angewendet wurden. Es wurde keine Briefing durchgeführt.“ Diese Worte widerlegen direkt die Hauptbehauptung der Anklageschrift, dass eine „vorsätzliche und bewusste Attentatseinheit“ gebildet worden sei. Cödel und die mit ihm zugeteilten Soldaten haben die Befehle ausgeführt, ohne zu wissen, worin sie verstrickt wurden.
Wo beginnt die Schuld? Ist das Ausführen von Befehlen eine Straftat? Im türkischen Rechtssystem wurde ein Soldat nach einem Ansatz verurteilt, der nicht den Befehlsgeber, sondern ihn selbst verantwortlich macht. Dabei bringt Cödels Verteidigung diesen Widerspruch klar ans Licht: „Während ich meine Pflicht erfüllte, hatte ich keinerlei Straftatabsicht. Die Vorgesetzten haben mir den Einsatzbefehl erteilt.“ An dieser Stelle ist folgende Frage unvermeidlich: Hat der Soldat eine Straftat begangen, während er einen Befehl ausführte, oder sollten diejenigen zur Rechenschaft gezogen werden, die ihm diesen Auftrag gaben?
„Der Marmaris-Prozess wurde zu einer Akte, an der die Justiz getestet wurde.“ Cödels Verteidigung lässt vermuten, dass das Gericht die Befehlskette nicht berücksichtigt hat, Beweise und Zeugenaussagen ignoriert wurden und die Gerichtsverhandlung vollkommen einer im Voraus festgelegten Entscheidung diente. In seinen eigenen Worten: „Die Kommandanten, die mich für diesen Auftrag eingeteilt haben, sind derzeit auf freiem Fuß, während ich mit lebenslanger Haft vor Gericht stehe. Warum bin ich hier und sie sind draußen?“
Wer ist der wahre Schuldige? Die Aussage von Özay Cödel offenbart, dass der nach dem 15. Juli eingeleitete juristische Prozess nicht auf Gerechtigkeit, sondern auf Säuberung basierte. Es zeigt sich, dass die Attentatsbehauptung durch einen Befehl von innen gesteuert wurde und die Operation im Hinblick auf Geheimdienstinformationen und Befehlskette voller Widersprüche steckte.
Fazit: Ist Cödel unschuldig? Die Antwort auf diese Frage liegt in den universellen Grundsätzen des Rechts verborgen. Wenn es keine Beweise und keinen Vorsatz gibt, wem dient es dann, einen Soldaten zu bestrafen, der auf Befehl gehandelt hat?
Im nächsten Artikel: Die verborgenen Seiten des Prozesses „Attentat auf den Staatspräsidenten“: Was geschah in Marmaris? Was war das wahre Ziel? War es kein Attentat, sondern eine Falle?
Asım Durmaz